Gedanken-Geheimnisse des Lebensalltags
Dr. Rupert Sheldrake, London, im Gespräch

Frage: Man geht heute durchweg davon aus, daß das Denken nur im Gehirn stattfindet und nicht darüber hinausreicht. Etwas wie Telepathie dürfte es demnach gar nicht geben. Sie beschäftigen sich jedoch schon seit vielen Jahren mit Phänomenen, die das Gegenteil belegen. Was spricht denn dafür, daß unser Denken weiterreichende Auswirkungen hat?
Sheldrake: Nun, die übliche materialistische Auffassung, das momentan herrschende Dogma besagt, daß gedankliche Aktivität gleich Hirnaktivität ist, alles spielt sich demnach im Kopf ab. Es gibt aber Belege dafür, daß eine Absicht oder die zielgerichtete Aufmerksamkeit unseres Geistes weit über unseren Kopf hinausreicht. Ein Beweis dafür ist der Umstand, daß wir andere Menschen allein dadurch beeinflussen können, daß wir sie beobachten. Es kommt vor, daß Menschen sich umdrehen, wenn wir sie von hinten anschauen. Sie scheinen unsere Aufmerksamkeit zu bemerken. Die meisten Menschen haben schon so eine Erfahrung gemacht, sie spürten, wenn sie beobachtet wurden, und sie konnten andere Menschen dazu bringen, sich umzudrehen, indem sie sie beobachteten. Das ist die Wirkung von Aufmerksamkeit. Die Wirkung einer bestimmten Absicht läßt sich auch von Menschen über große Entfernungen bemerken. Wenn wir an andere Menschen denken, weil wir zum Beispiel die Absicht haben, sie anzurufen, fühlen sie sehr häufig unsere Absicht bevor wir den Anruf getätigt haben. Sie denken an uns, und wenn wir dann anrufen, sagen sie: „Das ist aber komisch, ich habe gerade an Dich gedacht!“ Ich habe viele Experimente durchgeführt, die zeigen, daß die Fähigkeit, einen Blick von hinten zu bemerken, wirklich existiert, daß Telefontelepathie nicht nur auf Zufall beruht, es ist ein tatsächlich bestehendes Phänomen. Und diese Phänomene, die überaus weit verbreitet sind – fast jeder hat sie erlebt – zeigen, daß unser Geist tatsächlich über das Gehirn hinaus reicht.

Frage: Wie sehen solche Experimente zur Telefontelepathie genau aus?
Sheldrake: Bei der Erforschung der Telefontelepathie machen wir Experimente in denen die Versuchspersonen eine Anzahl von Anrufern zugeteilt bekommen – mindestens zwei, wir haben es hauptsächlich mit vier Anrufern gemacht. Sie wählen also vier Personen aus, die sie gut kennen, normalerweise Freunde oder Familienmitglieder und sitzen in einem Raum, wo sie gefilmt werden, mit einem Telefon, das den Anrufer nicht anzeigt. Wir suchen nach dem Zufallsprinzip einen der vier Anrufer aus und bitten ihn, die Versuchsperson anzurufen. Das Telefon klingelt. Die Versuchsperson weiß, daß es eine der vier Personen ist, aber bevor sie den Hörer abnimmt, muß sie raten, wer es ist. Sie könnte also sagen: „Ich glaube, es ist Timothy“, hebt den Hörer ab und sagt „Hallo Timothy!“ Ihre Vermutung war richtig oder falsch. Rein zufällig hätten die Versuchspersonen in einem von vier Fällen richtig geraten, also in 25 Prozent der Fälle. Tatsächlich aber liegt die Trefferquote in Hunderten solcher Versuche bei 45 Prozent. Das ist ein überaus signifikanter Effekt! Manche Personen können dies besser als andere. Aber selbst wenn wir Massenexperimente durchführen, mit der Teilnahme von sehr vielen Menschen und mit Leuten, die nicht sehr gut abschneiden, bekommen wir immer noch sehr signifikante Ergebnisse oberhalb der Zufallsrate.

Frage: Haben Sie ähnliche Experimente auch mit anderen Kommunikationsformen durchgeführt, mit E-Mails oder SMS?
Sheldrake: Wir konnten das gleiche Phänomen mit Emails, SMS und mit Nachrichten über das Internet beobachten. Wir haben Versuche unternommen, in denen die Versuchspersonen raten sollten, wer ihnen gerade eine SMS geschickt hat. Wiederum bekamen wir Ergebnisse oberhalb der Zufallsrate. Mit Emails haben wir die gleichen Versuche durchgeführt: man hat vier Personen zur Wahl, die einem eine Email schicken könnten. Zu einer bestimmten Zeit, schickt eine der vier Personen –zufällig ausgewählt – eine Email, und Sie müssen raten, wer Ihnen zu der Zeit schreibt. Sie schicken eine Email mit ihrer Vermutung los. Wir wissen, daß Sie geraten haben bevor Sie die Email erhielten, weil alles zeitlich genau mit dem Computer aufgezeichnet wird. Personen können also auch über dem Zufallsniveau erahnen, wer ihnen eine Email oder eine SMS schickt, das gleiche Phänomen wie bei der Telefontelepathie. Sie nehmen die Absicht von jemandem wahr, der mit Ihnen in Verbindung treten möchte.

Frage: Mit wie vielen Menschen haben Sie solche Versuche durchgeführt?
Sheldrake: Wir haben Hunderte von Personen in diesen Versuchen getestet. Mit jeder Person wurden wenigstens sechs Versuche durchgeführt. Die Spannbreite der Fähigkeiten ist so groß wie bei jeder anderen menschlichen Fähigkeit. Manche Leute können es besser als andere. Manche Menschen haben einen besseren Riechsinn, andere ein besseres Gehör, manche Menschen sind telepathisch empfindsamer als andere. Aber im Durchschnitt erzielen die Leute Ergebnisse über dem Zufallsniveau. Ich glaube auch, daß dies sehr weit verbreitete Fähigkeiten in der Bevölkerung sind. Es sind Phänomene, die ich die „Geheimnisse des alltäglichen Lebens“ nenne, Dinge, die häufig bei den meisten Menschen vorkommen und die uns etwas Wichtiges über die Natur unseres Bewußtseins mitteilen.

Frage: Solche Phänomene gibt es nicht nur zwischen Menschen, sondern auch zwischen Mensch und Tier? Aus Ihren Publikationen geht hervor, daß Sie sich auch mit Tieren sehr intensiv beschäftigt haben.
Sheldrake: Diese Fähigkeiten zur Telepathie und zu fühlen, daß man beobachtet wird, sind nicht auf Menschen beschränkt. Sie gelten für Tiere genauso. Viele Tiere bemerken, wenn sie beobachtet werden. Wir haben Jäger und Wildtierfotographen befragt, die Tiere aus der Entfernung versteckt beobachten, wobei die Tiere sie weder sehen noch riechen können – und doch spüren sie den Beobachter. Das ist eine häufige Erfahrung von Jägern und Wildtierfotografen. Ich denke, in der Natur spielt diese Fähigkeit eine nützliche Rolle zwischen Raubtier und Beute. Ein Beutetier, das spürt, wenn es von einem Raubtier beobachtet wird, hat eine bessere Chance zu entkommen als eines, das dazu nicht in der Lage ist. In Bezug auf Telepathie scheinen Tiere Absichten zu erspüren. Ich habe viele Versuche mit Haustieren, zum Beispiel mit Katzen und Hunden durchgeführt. Eines der häufigsten Phänomene, die man dabei finden kann, ist, daß Hunde wissen, wann ihr Herrchen nach Hause kommt. Der Hund geht zur Tür oder zum Fenster, sobald sein Herrschen auf dem Weg nach Hause ist. Manchmal zehn bis fünfzehn Minuten, bevor er nach Hause kommt und noch mehrere Kilometer entfernt ist. Wir konnten zeigen, daß sich dies nicht durch Gehör, Geruchssinn oder Routine erklären lässt. Es scheint telepathisch vor sich zu gehen. Das Tier nimmt die Absicht des Menschen auf, nach Hause zu gehen. Das gleiche kommt bei Katzen, Papageien, Pferden und verschiedenen anderen Arten vor.

Frage: Wenn man davon ausgeht, daß Gedanken nicht nur Gehirnströme in unserem Schädel sind, stellt sich die Frage: Wie wirken Gedanken ihrem Wesen nach? Verbinden Sie uns in irgendeiner Form mit unserer Umwelt? Wie denken Sie darüber?
Sheldrake: Nun, ich denke, unsere gedankliche Tätigkeit ist hauptsächlich auf mögliche Handlungen ausgerichtet. Unsere bewußten Gedanken befassen sich zumeist mit dem, was wir tun können oder könnten und wählen zwischen möglichen Handlungen aus. Die meisten unserer Handlungen hängen von Absichten ab. Wir tun Dinge aus irgendeinem Grund. Wir suchen wir etwas zu essen, weil wir hungrig sind, wir gehen auf die Toilette, weil wir müssen, und als junger Mann haben Sie vielleicht den Wunsch, eine Frau zu finden und suchen danach. Wir haben üblicherweise also Motive für unsere Handlungen. Menschen machen ihre Arbeit, weil sie eine Bezahlung bekommen wollen und so weiter. Genauso die Tiere: sie suchen ein Weibchen zur Paarung, suchen nach Nahrung, versuchen einer Gefahr zu entkommen. Und unsere Absichten reichen über die eigene Person hinaus, sie verbinden uns mit unserer Umwelt. Wenn ein Tier hungrig ist, wenn ein Raubtier zum Beispiel nach einer Beute sucht, sucht es seine Umgebung ab. Wenn es eine Beute entdeckt, wird es seine Absicht darauf richten – natürlich nicht in Form von Gedanken in Wörtern. Tiere denken nicht in Deutsch oder Englisch. Sie denken eher in Bildern und Begierden, in Emotionen und Absichten. Selbstverständlich kann auch viel von unserem Denken ohne Worte stattfinden. Wenn Sie ein beängstigendes Geräusch hören, werden Sie darauf reagieren, wenn Sie etwas Bedrohliches sehen, werden Sie versuchen, dem zu entkommen. Sie werden nicht viel Zeit damit verbringen, das in Worte zu formulieren; Sie rennen einfach davon oder wehren sich dagegen. Es wäre also falsch anzunehmen, daß alle unsere Gedanken und Absichten mit Worten verbunden sind. Sie haben hauptsächlich mit möglichen Handlungen zu tun. Und diese Handlungen verbinden unser Bewußtsein mit der Umwelt, durch zielgerichtete Aufmerksamkeit, also dadurch, daß wir etwas ansehen oder durch das Hinhören, und auch durch unsere Absichten. Wenn Sie als Jäger auf die Jagd gehen, haben Sie die Absicht, ein Beutetier zu finden. Und dieses Beutetier wird ihre Absicht wahrnehmen und vorsichtiger sein oder flüchten, weil es ihre Absicht gespürt hat. Unsere Gedanken sind also nicht wirklich auf unsere Gehirne beschränkt. Es kann natürlich auch vorkommen, daß wir einen inneren Dialog führen und mit uns selbst in Worten sprechen. Mag sein, daß dies hauptsächlich im und um den Kopf herum stattfindet. Sobald wir uns aber auf unsere Umwelt richten, auf die Außenwelt oder auf andere Menschen, reichen unsere Gedanken und Absichten in die Welt hinein und können sich darin auswirken.

Frage: Haben Sie bestimmte Prinzipien beobachtet, nach denen sich Gedanken auswirken? Spielt zum Beispiel die Entfernung eine Rolle oder die Stärke der Emotionen, die mit unseren Gedanken verbunden sind?
Sheldrake: Unsere Gedanken und Absichten, unsere Wünsche und Bedürfnisse sind alle mit Emotionen irgendeiner Art verbunden: Hunger, Angst, Selbsterhaltung, Sexualtrieb usw. Wir haben Motive für das, was wir tun, Emotionen. Und diese Emotionen können sich in der Ferne auswirken. Wenn ich die Absicht habe, jemanden in Australien anzurufen und an ihn denke, wird dieser meine Absicht aufnehmen. Wenn ich ihn dann anrufe, wird er vielleicht sagen: „Ich habe gerade an Dich gedacht“. Wir haben sogar Telefon-Telepathie-Versuche zwischen Großbritannien und Australien durchgeführt und konnten dabei zeigen, daß sie über tausende von Kilometern genauso gut funktionieren wie bei nur wenigen Kilometern. Bei Experimenten mit Leuten aus Australien haben wir junge Australier, die in London wohnen, als Versuchspersonen benutzt, und andererseits Leute in Australien, wie zum Beispiel deren Mütter, Freundinnen usw. Die Anrufspartner in England waren neue Bekanntschaften. In der Tat haben die Versuchspersonen besser mit den Menschen in Australien abgeschnitten als mit denen aus England, weil sie mit diesen emotional enger verbunden waren. Auf emotionale Nähe, nicht auf physische Distanz kommt es also an.

Frage: Was, denken Sie, ist die Grundlage für diese Phänomene? Sie sprechen von „morphischen Feldern“ und „morphischer Resonanz“. Bietet das eine Erklärung dafür, weshalb es zu diesen Phänomenen kommt?
Sheldrake: Es gibt zwei konventionelle Theorien über den Geist. Die materialistische Theorie sagt, daß alles im Gehirn stattfindet, Gehirnaktivität ist gleich Gedankenaktivität. Die dualistische Theorie, die es schon seit hunderten von Jahren gibt, besagt, daß der Geist und Gehirn zwei völlig verschiedene Dinge sind. Der Geist ist vollkommen nicht-physisch, immateriell und überhaupt nicht innerhalb von Raum und Zeit. Ich schlage eine Theorie vor, die zwischen diesen beiden liegt. Ich behaupte, daß der Geist im Gehirn wirkt, aber er reicht darüber hinaus durch Felder. Wir sind an die Vorstellung gewöhnt, das Felder in und um ein Objekt herum existieren. Das Magnetfeld eines Magneten ist in dem Magnet und reicht über ihn hinaus. Das Gravitationsfeld der Erde ist in der Erde und reicht weit darüber hinaus. Das Feld eines Mobiltelefons ist in dem Telefon und reicht darüber hinaus. Und ich denke, daß die Felder unseres Geistes in unseren Gehirnen und in unseren Körpern zu finden sind und über diese hinausreichen. Es ist also nicht alles im Gehirn, und diese Felder verbinden uns mit den Objekten, die von unseren Absichten betroffen sind und mit den Objekten, denen wir Aufmerksamkeit schenken, und sie dehnen sich weit über das Gehirn aus, aber sie sind natürlich immer noch mit dem Gehirn verbunden, denn wäre es nicht so, würden sie nicht dazu fähig sein, unsere Handlungen zu beeinflussen, was durch das Gehirn geschehen muß.

Frage: Wenn man davon ausgeht, daß unsere Gedanken nicht auf Gehirn und Körper beschränkt sind, welche Konsequenzen ergeben sich daraus für unser Leben und unser Weltbild?
Sheldrake: Wenn unsere Gedanken über das Gehirn hinausreichen und uns mit der Welt um uns herum und untereinander verbinden, dann bedeutet dies, daß wir mit allem viel stärker verbunden sind als wir gewöhnlich annehmen. Die materialistische Theorie, die ja immer noch die vorherrschende Lehrmeinung darstellt, besagt, daß der Geist sich im Gehirn befindet. Das bedeutet, daß wir voneinander isoliert sind in der Privatsphäre unserer Schädel. Wir sind privater, aber auch viel isolierter. Die Sichtweise, daß unsere Gedanken und Absichten uns mit der Welt um uns herum verbinden – mit anderen Menschen und auch mit Tieren –, bedeutet, daß es weniger Privates gibt, weil unsere Gedanken und Absichten andere Menschen beeinflussen können, und deren Gedanken und Absichten können uns beeeinflussen. Doch denke ich, daß die Dinge eben so sind. Wir sind soziale Lebewesen und haben uns so entwickelt, daß wir in Gruppen mit anderen Menschen leben. Kein soziales Lebewesen kann überleben, ohne mit den anderen Mitgliedern seiner Gruppe verbunden zu sein. Wir beobachten das bei jedem sozialen Tier: Ameisen, Bienen, Wespen, Termiten, in Vogelschwärmen, in Fischschwärmen und Wolfsrudeln. Ich denke, daß Telepathie eine normale Kommunikationsform zwischen sozialen Lebewesen und Mitgliedern einer Gruppe ist. Das ist also eine Konsequenz aus dieser Betrachtungsweise: Wir sind stärker miteinander verbunden. Eine weitere Konsequenz ist, daß unsere Gehirne gar nicht alles das tun, was wir gemeinhin annehmen. Ich glaube, daß die Gehirne gegenwärtig sehr überbewertet werden, da man annimmt, daß das Gehirn alles macht, was mit Bewußtsein zu tun hat. Das Gehirn ist aber eher wie ein Empfänger, ein TV Empfänger. Es ist für Übertragungen empfänglich, die von außen kommen und schickt andererseits auch „Sendungen“ hinaus in die Umwelt. Das führt, denke ich, zu einem ganz anderen Verständnis von uns selbst. Es legt auch nahe, daß sogenannte paranormale Phänomen wie die Telepathie gar nicht paranormal, sondern ganz normal sind. Sie sind Teil unserer Natur, sie haben sich entwickelt, weil sie so nützlich sind. Und es gibt sie, weil wir soziale Lebewesen sind.

Frage: Spielt es Ihrer Ansicht nach also eine Rolle, was und wie wir über Dinge denken?
Sheldrake: Ja, wenn unsere Gedanken einfach nur private Dinge im Inneren unserer Köpfe wären, würde es nicht viel ausmachen, was wir denken. Nur das, was wir sagen oder tun, wäre relevant. Wenn allerdings Ihre Gedanken, Ihre Einstellungen und Ihre Absichten, Ihre Hoffnungen und Ängste, und was Sie lieben oder hassen über das Gehirn hinaus Einfluß ausüben, nur weil Sie in dieser Art denken oder solche Emotionen hegen, bedeutet das, daß wir mehr Verantwortung tragen. Nicht nur für das, was wir sagen und tun, sondern auch das, was wir denken, wirkt sich aus. Natürlich haben das die meisten religiösen Traditionen schon vor langer Zeit erkannt. Unsere Gedanken sowie unsere Taten sind wichtig ¬– während es vom materialistischen Standpunkt aus nur auf die Taten ankommt.

Frage: In Ihrem neuen, überaus erfolgreichen Buch „Der Wissenschaftswahn – Warum der Materialismus ausgedient hat“ gehen Sie mir verschiedenen wissenschaftlichen Dogmen ins Gericht. Ist die heutige Wissenschaft für Sie also im Grunde nichts anderes als eine Religion?
Sheldrake: Das Buch handelt von der Wahnvorstellung der Wissenschaft, das Wesen der Realität im Prinzip schon verstanden zu haben, und daß es nur noch darum ginge, die Lücken des Wissens auszufüllen. Das ist der Glaube vieler Menschen in der modernen Welt, und ich denke, dies ist eine schreckliche Irreführung. Die Wissenschaft versteht sehr wenig vom Wesen der Realität. Unsere moderne Technologie – Fernseher, Computer, Mobiltelefone, die Triumphe der Medizin etc. – bietet viele Beweise dafür, daß unser wissenschaftliches Verständnis hilfreich und nützlich ist. Aber die Vorstellung, wir würden schon fast alles verstehen, ist völlig illusorisch. Was wir am wenigsten verstehen, ist unserer Geist und unser Bewußtsein. In meinem Buch „Der Wissenschaftswahn“ zeige ich auf, daß die heutigen Wissenschaften auf einem Glaubenssystem beruhen, dem materialistischen Glaubenssystem, welches zehn grundlegende Dogmen umfaßt, pure Vermutungen, die man einfach selbstverständlich akzeptiert. Im Buch verwandle ich jedes dieser Dogmen in eine Frage und untersuche sie wissenschaftlich, um herauszufinden, ob dieses Dogma tatsächlich durch wissenschaftliche Begründungen und Beweise untermauert wird. In allen zehn Fällen stellt sich heraus, daß es sich in Wirklichkeit um eher unwissenschaftliche Annahmen handelt. Ich möchte, daß die Wissenschaft mehr wissenschaftlich arbeitet, nicht weniger. Das bedeutet, einen wissenschaftlichen Blick auch auf alle Grundannahmen und Dogmen zu werfen und diese nicht einfach als selbstverständlich vorauszusetzen. Zu den Dogmen gehört zum Beispiel die Annahme, die Natur arbeite mechanisch, also im Grunde wie eine Maschine, nicht wie ein Organismus. Es gibt auch das Dogma: „Die Natur hat kein Ziel“. Solche Dogmen stelle ich in Frage und zeige auf, daß die Wissenschaft besser dran wäre, wenn wir ein Glaubenssystem, das uns mehr als ein Jahrhundert beherrscht hat, hinter uns ließen. Die Wissenschaft würde dadurch wissenschaftlicher, aufregender und würde mehr Freude bereiten.

Frage: Nicht zuletzt dominiert die materialistische Sichtweise ja auch die Medizin. In Ihrem Buch erwähnen sie einige Beispiele, wie man die Dinge auch in diesem Bereich anders betrachten könnte …
Sheldrake: Ja, der materialistische Denkrahmen dominiert alles in der modernen Welt. Er beherrscht das Bildungssystem, die Regierung, das Geschäft, das Beamtentum, alle Berufe und natürlich auch die Medizin. Alles beruht auf dieser Weltanschauung, und die meisten Menschen stellen sie nicht in Frage, weil sie sich sagen: Nun, es muß schon richtig so sein, denn wir haben ja Erfolg damit. Die moderne Medizin ist in vieler Hinsicht sehr erfolgreich: Antibiotika, laparoskopische Chirurgie … es gibt viele Triumphe, aber wenn man die moderne Medizin trotzdem in Frage stellt, würde man feststellen, daß wir eine noch viel bessere Medizin haben könnten, die ganzheitlicher und umfassender ist, ohne daß wir die bisher erreichten Vorteile verlieren. Die wird es weiterhin geben, aber wir bekämen eine erweiterte Sicht der Dinge, die auch die sogenannten komplementären und alternativen Therapien mit einbezieht, auch eine deutlich präventivere und damit kostengünstigere Medizin. Ich glaube auch, daß der notwendige Wandel in der Medizin neben anderen Gründen hauptsächlich durch wirtschaftliche Zwänge angetrieben werden wird.

Frage: Ein Phänomen, das ja deutlich zeigt, daß es bei Heilungsvorgängen nicht nur auf schulmedizinische Maßnahmen ankommt, ist der Placebo-Effekt …
Sheldrake: Nun, ich denke, der Placeboeffekt ist ein ganz klarer Beweis dafür, das die Kraft des Geistes sehr wichtig bei der Heilung ist. Seit langer Zeit behandeln konventionelle Mediziner diesen Effekt wie ein Ärgernis, mit dem man rechnen muß und der bei klinischen Versuchen im Weg steht. Doch glaube ich, daß sich diese Einstellung geändert hat. Wir haben jetzt erkannt, daß der Placeboeffekt einen sehr wichtigen Teil des Heilungsprozesses darstellt, in der konventionellen ebenso wie in der unkonventionellen Medizin. Ärzte pflegten zu sagen: Wir machen richtige Medizin mit wirklichen Medikamenten, während Heilpraktiker und komplementär arbeitende Ärzte Quacksalber sind, und wenn es Menschen nach deren Behandlung besser geht, war das nur der Placeboeffekt. Jetzt wissen wir aber, daß der Placeboeffekt überall und bei jeder Behandlung eine Rolle spielt und daß viele moderne Medikamente nicht viel effektiver wirken als ein Placebo. Ich denke, wir müssen den Glauben, die Einstellung, den Familien- und Freundeskreis von Menschen mit in Betracht ziehen, weil es mittlerweile viele Beweise dafür gibt, daß Heilung oder Erholung von Krankheiten nicht nur von Medikamenten abhängt, sondern vom Glauben der Patienten, ihrer Einstellung, ihren spirituellen Praktiken, dem Netzwerk von Freunden und sogar davon, ob jemand einen Hund oder eine Katze hat. Menschen, die Hunde oder Katzen halten, erholen sich zum Beispiel besser und schneller von einem Herzinfarkt als Menschen ohne Hund oder Katze. Es gibt viele Studien die zeigen, daß zahlreiche Faktoren für den Heilungsprozeß maßgeblich sind. Diese Faktoren kennt zwar, da bin ich mir sicher, jeder Arzt, aber die medizinische Ausbildung neigt dazu, sie zu vernachlässigen und legt den größten Wert auf Chemie und Physik, Medikamente und Chirurgie.

Frage: An welchen Projekten arbeiten Sie derzeit?
Sheldrake: Ich setze meine Forschung über Telefontelepathie fort und arbeite an der Entwicklung von Apps, die es möglich machen, einige dieser Tests von psychischen Fähigkeiten, wie die Telepathie, mit dem Mobiltelefon auszuführen, als Teil des normalen Lebens, mit Hilfe moderner Technologie. Ich glaube, wenn man diese Möglichkeit einer größeren Allgemeinheit zugänglich macht, könnten vielleicht Millionen Menschen an diesen Forschungen teilnehmen und gleichzeitig etwas über ihre eigenen Fähigkeiten lernen. Ich glaube, daß dies ein besserer Weg ist als durch Schulen, Lehrbücher usw. Solche Apps werden dazu beitragen, das Bewußtsein der Menschen über das Wesen des Geistes und dessen Macht zu verändern.
Ich setze auch meine Forschung über die Fernwirkungen unseres Bewußtseins fort und bereite eine erweiterte und aktualisierte Ausgabe meines Buches „Der siebte Sinn des Menschen" vor. Ich arbeite außerdem weiter an der Erforschung der „morphischen Resonanz“, dem Gedächtnis der Natur. Wir führen diesbezüglich gerade sehr spannende neue Versuche in den Laboratorien hier in England durch. Ich habe die Hoffnung, daß dieses Gebiet der Wissenschaft sich weiter ausdehnt und die Tabus schwächer werden, die der materialistischen Position die Vorherrschaft sichern. Ich bin auch mit Geldgebern, einschließlich privaten Finanziers im Gespräch, um Möglichkeiten für eine Unterstützung innovativer Forschung zu finden. Gegenwärtig bekommt man nicht viel Unterstützung. Das könnte sich aber ändern, denn ich persönlich glaube, daß die wissenschaftliche Forschung in den nächsten zehn Jahren sehr spannend werden könnte, sobald sich neue Möglichkeiten eröffenen.